Lehre

Wintersemester 2017/18

  • Auf dem Weg in die Mediengesellschaft? Politik, Massenmedien und gesellschaftliche Selbstbeobachtung 1850-1930 (Seminar, Leipzig)
    Moderne, funktional differenzierte Gesellschaften lassen sich nicht (mehr) unter eine Einheitsperspektive zwängen. Gerade deshalb sind, zumal im Zeitalter der Nationalstaaten, übergreifende Selbstverständigungsprozesse unabdingbar. Pluralismus erfordert Instrumente, die es einer Gesellschaft ermöglichen, sich ein Bild von sich selbst zu machen und darüber zu kommunizieren. Die modernen Massenmedien dienen der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung, indem sie Raum und Zeit überwinden und verstreute, unterschiedliche Publika erreichen. Sie bildeten die beschriebene Funktion zwischen dem späten 19. und dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts heraus. Der Zeitraum wurde als „massenmediale Sattelzeit“ (Habbo Knoch und Daniel Morat) bezeichnet, weil er eine Epochenschwelle markiert, in der sich gesellschaftliche Formationen grundlegend änderten. Diese These sowie der mit ihr verbundene Periodisierungsvorschlag sollen im Seminar überprüft werden. Wir fragen danach, welche Faktoren die Entstehung und Etablierung moderner Massenmedien ermöglichten und ab wann – wenn überhaupt – die Rede von einer Mediengesellschaft sinnvoll ist. Dabei werden Prozesse wie Alphabetisierung und Urbanisierung ebenso zu berücksichtigen sein wie die Lockerung politischer und ökonomischer Medienregulierungen und technische Innovationen. Wir werden uns mit der Presse, dem Fotojournalismus sowie mit Radio und Film im Zeitraum zwischen 1850 und 1930 befassen, wobei es gilt, nicht bei einer Abfolge von Einzelmedien stehenzubleiben, sondern miteinander verschränkte Medienensembles und (Teil-)Öffentlichkeiten zu untersuchen. Zentrale Themen sind nicht nur Presse- und Imagepolitiken, Medienskandale und die Herausbildung von Journalismus als Beruf, sondern vor allem die komplexen Wechselverhältnisse etwa zwischen Medien und Politik in Monarchie und Demokratie, Medien und Stadt, Medien und Krieg, Medien und Kolonialismus oder auch Medien und Geschlecht.

    Literatur: Corey Ross: Media and the Making of Modern Germany. Mass Communications, Society and Politics from the Empire to the Third Reich, Oxford 2008; Frank Bösch: Mediengeschichte (= Historische Einführungen 10), Frankfurt am Main 2011; Thomas Birkner: Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914, Köln 2012; Gerhard Paul: Das visuelle Zeitalter. Punkt & Pixel, Göttingen 2016.

  • Zeitgeschichte und Geschichtskultur (Übung, Leipzig)
    Wir wollen uns in erster Linie mit Phänomenen der Geschichtskultur auseinandersetzen. Dies wird vorrangig in der Analyse von u. a. Denk- und Mahnmalen, Museen und Filmen bestehen. Dabei gehen wir der Frage nach, welche Bedeutung geschichtskulturelle Phänomene für uns besitzen. Ein methodischer Schwerpunkt wird der Besuch von Museen und Denkmalen in Leipzig sein, um den Vergleich zu audiovisuellen Medien herstellen zu können. Geschichtstheoretisch stehen folgende Termini im Vordergrund: Geschichtsbewusstsein, Geschichtskultur, Vergangenheitspolitik und Geschichtspolitik.

Wintersemester 2016/17

  • „Es gilt das gesprochene Wort“. Die politische Rede im 19. und 20. Jahrhundert (Proseminar, Gießen)
    Als sich der zuvor eher unbekannte Senator Barack Obama mit begeisternden, rhetorisch ausgefeilten Reden im US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 durchsetzte, sprachen nicht wenige Beobachter von einer triumphalen Wiederkehr der politischen Rede. Doch hatte diese ihre Bedeutung eigentlich je eingebüßt? Wer die politische Rede für marginalisiert hielt, begründete dies meist mit dem Aufstieg der Massenmedien. In der Mediengesellschaft sei die traditionelle ars oratoria nicht mehr gefragt. Anhand bekannter und weniger bekannter Beispiele aus zwei Jahrhunderten fragt das Proseminar danach, was in unterschiedlichen Zeiten als eine „gute“ Rede galt und welchen Wandlungen Formen und Funktionen von politischen Reden unterworfen waren. Es geht dabei weniger um die Rhetorik als ihre Theorie, als vielmehr um die Praxis politischer Rede. Dabei soll die Analyse nicht auf Inhalte, d.h. den Redetext, beschränkt bleiben, sondern möglichst umfassend die konkreten Umstände einer politischen Rede berücksichtigen: ihr historischer Kontext, das räumliche Setting, ihr Publikum und die Interaktionen mit dem/der Redner/in, die An- oder Abwesenheit von Massenmedien, die Person des Redners/der Rednerin sowie die „Aufführung“ der Rede. Daher werden, sofern verfügbar, auch Ton- und Filmdokumente einbezogen.

    Literatur: Karl-Heinz Göttert: Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik, Frankfurt a. M. 2015; Christian K. Tischner: Historische Reden im Geschichtsunterricht, Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts. 2008.

Sommersemester 2015

  • Politische Kampagnen in der Bundesrepublik (Proseminar, Gießen)
    Politische Kampagnen zielen auf die Änderung von Einstellungen eines disparaten Publikums und sollen zu spezifischem erwünschtem Verhalten motivieren, sei es eine bestimmte Wahlentscheidung zu treffen, für afrikanische Kinder zu spenden oder Safer Sex zu praktizieren. Das Proseminar verfolgt den Wandel politischer Kampagnen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1995 und fragt insbesondere danach, wie sich politische Kommunikation in einer parlamentarischen Demokratie unter den Bedingungen einer Konsum- und sich entwickelnden Mediengesellschaft gestaltete. Anhand ausgewählter Fallbeispiele aus den Feldern Wahlkampf, Straßenverkehr, soziale Bewegungen, Spendenaufrufe, Umwelt und Gesundheit sollen unterschiedliche Formen und Charakteristika der Kampagnenführung, ihre Planung, Ausführung und Wirksamkeit herausgearbeitet und diskutiert werden. Die Kampagnen werden zugleich in ihren gesellschaftlichen und politischen Kontext eingeordnet, so dass das Proseminar einen Querschnitt der bundesdeutschen Zeitgeschichte bietet. Dabei soll quellennah mit Schwerpunkt auf visuellen Medien gearbeitet werden.Gleichberechtigt vermittelt das Proseminar die für das Geschichtsstudium notwendigen Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens und bereitet intensiv auf das Abfassen von Hausarbeiten vor. Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zur gründlichen Lektüre von Sekundärliteratur, rege Beteiligung an der Diskussion im Seminar und die Erledigung propädeutischer „Hausaufgaben“.

    Durchgeführt zusammen mit Freda Wagner.

Wintersemester 2013/14

  • Der Erste Weltkrieg im Film (Proseminar, Gießen)
    Der Erste Weltkrieg wird nicht zuletzt wegen des massiven Einsatzes massenmedialer Propaganda gemeinhin als erster moderner Krieg der Geschichte sowie als ein paradigmatisches Medienereignis bezeichnet. Letzteres gilt vor allem auch retrospektiv in Bezug auf die Erinnerung an die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, die sich durch eine – freilich gewissen Konjunkturen unterworfene – kontinuierliche öffentliche Präsenz bis heute auszeichnet: Für das Bild, das sich seither vom Ersten Weltkrieg gemacht wurde und wird, spielt von den Erinnerungsmedien der bei Kriegsausbruch mit nicht einmal 20 Jahren noch junge Film eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ausgehend von der Filmpropaganda im Krieg verfolgt das Proseminar den Wandel der filmischen Repräsentationen des Weltkriegs im Spiel- und Dokumentarfilm mit Schwerpunkt auf der Zwischenkriegszeit, d.h. auf der späten Stumm- und frühen Tonfilmzeit, wobei auch Ausblicke in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts unternommen werden. Dabei werden die Filme keinesfalls als isolierte Artefakte betrachtet, sondern vielfältig historisch kontextualisiert, um sie als verschiedenen Deutungsansprüchen und Sinnzuschreibungen unterworfene mediale Produkte zu kennzeichnen, die trotz aller – zumal anfänglichen – Konflikthaftigkeit spezifische visuelle und narrative Topoi im Erinnerungsdiskurs etablieren und perpetuieren.Das Proseminar führt in die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Quellenwert von Filmen, die Grundlagen der Filmanalyse sowie das methodische Konzept der New Film History ein. Anschließend wird quellennah sowohl mit den Filmen als auch mit kontextualisierendem Quellenmaterial wie Filmbesprechungen, Programmheften etc. gearbeitet. Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft zur eigenständigen Recherche auch unpublizierter Quellen und zur Lektüre englischsprachiger Texte.

    Literatur: Philipp Stiasny: Das Kino und der Krieg. Deutschland 1914-1929, München 2009; Anton Kaes: Shell Shock Cinema. Weimar Culture and the Wounds of War, Princeton 2009; Rainer Rother / Karin Herbst-Meßlinger (Hg.): Der Erste Weltkrieg im Film, München 2009; Bernardette Kester: Film Front Weimar. Representations of the First World War in German Films in the Weimar Period (1919-1933), Amsterdam 2003.

  • Den Weltkrieg ausstellen, den Weltkrieg erinnern. Exkursion nach Ypern (Exkursionsseminar, Gießen)
    Jahrestage sind wichtige Marksteine für die Geschichts- und Erinnerungskultur. Vor 100 Jahren begann mit dem Ersten Weltkrieg der erste „industrialisierte Krieg“. Die belgische Region Flandern wurde von der Westfront durchzogen, vier Jahre Stellungskrieg verheerten ganze Landstriche. In der Gegend um die Stadt Ypern (Ypres, Ieper) fanden einige der „großen“ Schlachten des Ersten Weltkrieges statt, die mit den Namen Diksmuide, Langemarck, Passchendaele verbunden sind. 1915 in der zweiten Flandernschlacht wurde das erste Mal Chlorgas eingesetzt. Ypern selbst wurde im Verlauf des Krieges vollständig zerstört, in den zwanziger Jahren aber nach alten Plänen wieder aufgebaut.Die dreitägige Exkursion führt in die Stadt Ypern als zentralem Ort der Erinnerungslandschaft Westflanderns. Wie wurde und wird dort an den Ersten Weltkrieg erinnert? Im Rahmen der Exkursion werden wir Weltkriegsmuseen wie In Flanders Fields und das Passchendaele Museum besuchen, Soldatenfriedhöfe und die ehemaligen Schlachtfelder besichtigen und der Last Post-Zeremonie am Menentor beiwohnen.

    Literatur: John Horne (Hg.): A Companion to World War I, 2. Aufl., Oxford 2011; Thomas Thiemeyer: Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum, Paderborn 2010; Michael Salewski: Der Erste Weltkrieg, 2. Aufl., Paderborn 2004; Susanne Brandt: Vom Kriegsschauplatz zum Gedächtnisraum. Die Westfront 1914-1940, Baden-Baden 2000; Themenportal Erster Weltkrieg, Clio Online, URL: http://www.erster-weltkrieg.clio-online.de/

Sommersemester 2013

  • Die Politik der Unterhaltung. Zur Geschichte populärer Kultur 1900-1945 (Proseminar, Gießen)
    Lohnzuwächse und die Zunahme freier Zeit führten um 1900 zur Änderung von Konsumgewohnheiten: Die Nachfrage nach Unterhaltungsprodukten stieg; populäre Kultur etablierte sich als eine permanente Herausforderung an den Hegemonieanspruch „bürgerlicher“ Kultur. Paradoxerweise war die Diversifizierung von Öffentlichkeiten, kulturellen Ausdrucksformen und Praktiken, wie sie sich insbesondere seit 1918 intensivierte, mit dem Aufkommen standardisierter, industriell gefertigter Unterhaltungswaren verbunden. Ob Film, Boulevardzeitungen und Illustrierte, Belletristik, Hörfunk, Schlager, Kabarett, Varieté, Sport oder Mode – das Proseminar widmet sich der populären Kultur der Jahre zwischen 1900 und 1945 jenseits der üblichen, wissenschaftsgestützten Kanonbildungen. Dabei soll besonderes Augenmerk auf die Herausbildung und den Wandel des populärkulturellen Medienverbunds sowie dessen Wechselverhältnis mit der Politik, auch mit Blick auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten der politischen Zäsur des Jahres 1933, gelegt werden. In diesem Zusammenhang sind zudem die gängigen Narrative von den „Golden Twenties“ und vom nationalsozialistischen Deutschland als „Propagandastaat“ kritisch zu hinterfragen. Weiterhin werden die Herausbildung von spezifischen Aneignungs- und Umgangsformen der „Rezipienten“, soziale und regionale Differenzen im Umgang mit populärer Kultur sowie geschlechts- und körpergeschichtliche Fragen eine Rolle spielen. Das Proseminar dient zugleich der Einübung wissenschaftlicher Arbeitstechniken. Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft zur intensiven Lektüre auch englischsprachiger Texte.

    Literatur: Corey Ross: Media and the Making of Modern Germany. Mass Communications, Society and Politics From the Empire to the Third Reich, Oxford 2008; Hans-Otto Hügel: Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von „Unterhaltung“ und „Populärer Kultur“, Köln 2007; Kaspar Maase: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt am Main 1997.

  • Perspektiven der Kulturgeschichte (Übung, Gießen)
    Seit den 1990er Jahren beherrscht die „Neue Kulturgeschichte“ die Methodendiskussion in den Geschichtswissenschaften. Unter Rückgriff auf Anregungen aus den Kultur-, Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften vermochte sie den Gegenstandsbereich der Geschichtswissenschaft zu entgrenzen sowie die an ihre „angestammten“ Gegenstände gerichteten Fragestellungen nachhaltig zu verändern. Zwar geht es kulturhistorischen Zugängen stets um die Beobachtung der historischen Variabilität der Produktion von Sinn und Bedeutung, jedoch stellt sich die Kulturgeschichte nicht als einheitliche Methode dar. Je nach zugrunde liegender (kultur-)theoretischer Prämisse entwickelt sie unterschiedliche Perspektiven auf einen Gegenstand. Nicht zuletzt deshalb sieht sie sich immer wieder konfrontiert mit Vorwürfen der postmodernen Beliebigkeit oder fehlenden Relevanz. Die Übung versteht sich als Einführung in die Kulturgeschichtsschreibung. Sie diskutiert den nicht unproblematischen Kulturbegriff, behandelt die Geschichte der Kulturgeschichte seit dem 19. Jahrhundert, wobei auch die jeweiligen Vorbehalte gegenüber kulturhistorischen Ansätzen angesprochen werden, und stellt exemplarisch einschlägige Studien vor. Unabdingbare Voraussetzung der erfolgreichen Teilnahme ist die Bereitschaft, ein überdurchschnittliches Lektürepensum zu bewältigen.

    Literatur: Achim Landwehr: Kulturgeschichte, Stuttgart 2009; Silvia Serena Tschopp / Wolfgang Weber: Grundfragen der Kulturgeschichte, Darmstadt 2007; Ute Daniel: Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, 5. Aufl., Frankfurt am Main 2006.

Wintersemester 2012/13

  • Skandale im 20. Jahrhundert (Proseminar, Gießen)
    Skandale sind ein wichtiger Modus der Aushandlung von Normen und Werten in der Mediengesellschaft. Wo liegen die Grenzen (moralisch) zulässigen Verhaltens? Welchem historischen Wandel unterliegen solche Grenzziehungen im Längsschnitt? Das Proseminar fragt nach Formen und Funktionen von Skandalen in Politik, Kunst und Kultur im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt auf Deutschland und den USA. Geld, Macht und Sex, Blasphemie und Hakenkreuze – die Bandbreite der behandelten Fälle reicht vom Eulenburg-Skandal über die Spiegel-Äffare und Watergate bis zum CDU-Parteispendenskandal, von „Der Sünderin“ auf der Leinwand bis zum „Stellvertreter“ auf der Bühne. Das Proseminar dient zugleich der Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten.

    Literatur: Frank Bösch: Öffentliche Geheimnisse. Skandale, Politik und Medien in Deutschland und Großbritannien 1880-1914, München 2009; Stiftung Haus der Geschichte (Hg.): Skandale in Deutschland nach 1945, Bielefeld 2007; Steffen Burkhardt: Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln 2006; Karl Otto Hondrich: Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals, Frankfurt a. M. 2002; John B. Thompson: Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age, Cambridge 2000.

  • Systemtheorie und Geschichtswissenschaft (Übung, Gießen)
    Unter den soziologischen Großtheorien ragt die Systemtheorie von Niklas Luhmann heraus: Sie bricht nicht nur mit gewohnten Denktraditionen, sondern erhebt auch einen universalistischen Anspruch, nämlich sämtliche soziale Phänomene zu erfassen, mithin auch sich selbst. Dabei enthält sie mit ihrem Evolutionsmodell der historischen Genese moderner Gesellschaften zugleich eine historische Dimension, die der kritischen Überprüfung durch die Geschichtswissenschaft bedarf, aber auch Anknüpfungsmöglichkeiten bietet. Dennoch spielt die Systemtheorie in der Geschichtswissenschaft gegenwärtig kaum eine Rolle. Ihr Denken gilt als zu voraussetzungsvoll, zu „schwierig“, zu wenig intuitiv und als inkompatibel zu bewährten Methoden geschichtswissenschaftlichen Arbeitens. Die Übung gliedert sich in zwei Teile: Zunächst soll durch die intensive Lektüre zentraler Passagen aus Luhmanns Schriften in die Grundlagen der Systemtheorie eingeführt werden. Anschließend wird anhand von exemplarischen Fallstudien diskutiert, inwiefern die Systemtheorie für die Arbeit von Historikerinnen und Historikern fruchtbar gemacht werden kann. Für die erfolgreiche Teilnahme an der Übung sind Vorkenntnisse in der Theorie sozialer Systeme nicht erforderlich, aber auch nicht hinderlich.

    Literatur: Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1997; Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M. 1984; Frank Becker (Hg.): Geschichte und Systemtheorie. Exemplarische Fallstudien, Frankfurt a. M. / New York 2004; Frank Becker / Elke Reinhardt-Becker (Hg.): Systemtheorie. Eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt a. M. / New York 2001; Georg Kneer / Armin Nassehi: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Eine Einführung, 3. Aufl., München 1997.

Sommersemester 2012

  • Sexualität im 20. Jahrhundert (Proseminar, Gießen)
    Michel Foucault stellte in „Sexualität und Wahrheit“ die Freud’sche These vom unterdrückten Geschlechtstrieb zugunsten einer Perspektivierung auf Wissens- und damit Machtstrukturen zurück und forderte die konsequente Historisierung von Sexualität. In der Folge sind seit den 1980er Jahren zahlreiche Arbeiten zur Sexualitätsgeschichte entstanden, die in Abkehr von essentialistischen bzw. naturalistischen Positionen den kulturellen und sozialen Konstruktionscharakter von Sexualität betonen. Ohne zwangsläufig der kulturkritischen These der sexualisierten Gesellschaft das Wort zu reden, scheint das zwanzigste dasjenige Jahrhundert zu sein, in dem das Sprechen über Sexualität bislang unerreichte Ausmaße angenommen hat. Das Proseminar widmet sich verschiedenen Aspekten des Geschlechtslebens im 20. Jahrhundert wie Sexualmoral, Sexualwissenschaft, Homosexualität, Pornographie, NS-Bevölkerungspolitik, Krieg und Sexualität, Sexualaufklärung oder auch der „sexuellen Befreiung“. Dabei spielen insbesondere in- und exkludierende und damit zugleich identitätsstiftende Kategorien und Begriffe wie Normalität, Nation, Rasse und Geschlecht eine zentrale Rolle. Das Proseminar dient zugleich der Einübung wissenschaftlicher Arbeitstechniken.

    Literatur: Dagmar Herzog: Sexuality in Europe. A Twentieth-Century History, Cambridge 2011; Franz X. Eder: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, 2. Aufl., München 2009.

Wintersemester 2011/12

  • Populäre Kultur im Deutschland der Zwischenkriegszeit (Proseminar, Gießen)
    Lohnzuwächse und die Zunahme freier Zeit führten um 1900 zur Änderung von Konsumgewohnheiten im Deutschen Reich: Die Nachfrage nach Unterhaltungsprodukten stieg; populäre Kultur etablierte sich als eine permanente Herausforderung an den Hegemonieanspruch „bürgerlicher“ Kultur. Paradoxerweise war die Diversifizierung von Öffentlichkeiten, kulturellen Ausdrucksformen und Praktiken, wie sie sich insbesondere seit 1918 intensivierte, mit dem Aufkommen standardisierter, industriell gefertigter Unterhaltungswaren verbunden. Ob Film, Boulevardzeitungen und Illustrierte, Belletristik, Hörfunk, Schlager, Kabarett, Varieté, Sport oder Mode – das Proseminar widmet sich jenseits der üblichen, wissenschaftsgestützten Kanonbildungen der populären Kultur der Jahre zwischen 1918 und 1939. Dabei sollen sowohl die gängigen Narrative von den „Golden Twenties“ und vom nationalsozialistischen Deutschland als „Propagandastaat“ hinterfragt als auch Kontinuitäten und Diskontinuitäten der politischen Zäsur des Jahres 1933 diskutiert werden. Neben dem Wechselverhältnis von Politik und populärer Kultur werden auch die Herausbildung von spezifischen Aneignungs- und Umgangsformen der „Rezipienten“, soziale und regionale Differenzen im Umgang mit populärer Kultur sowie geschlechts-, körper- und emotionsgeschichtliche Fragen eine Rolle spielen. Das Proseminar dient zugleich der Einübung wissenschaftlicher Arbeitstechniken. Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft zur intensiven Lektüre auch englischsprachiger Texte.

    Literatur: Corey Ross: Media and the Making of Modern Germany. Mass Communications, Society and Politics From the Empire to the Third Reich, Oxford 2008; Hans-Otto Hügel: Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von „Unterhaltung“ und „Populärer Kultur“, Köln 2007; Kaspar Maase: Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt am Main 1997.

  • Filmstadt Berlin (Exkursionsseminar, Gießen)
    Das Filmstudio Babelsberg feiert 2012 sein 100jähriges Bestehen: 1912 wurde dort der erste Film gedreht. Doch Berlin war bereits zuvor eine Filmmetropole mit zahllosen Ateliers in Stadt und Umland. 1895 fand die erste Filmvorführung in Deutschland in Berlin statt. Dank der dort beheimateten Filmgesellschaft Ufa genoss der deutsche Film in den 1920er und 1930er Jahren Weltrang. Während in der Bundesrepublik die Stadt wegen ihrer Lage als Exklave trotz Großveranstaltungen wie der Berlinale allmählich zugunsten Münchens an Bedeutung verlor, produzierte die staatliche DDR-Filmgesellschaft DEFA weiterhin hauptsächlich in Berlin und Babelsberg. Die Exkursion erkundet Geschichte und Gegenwart der „Filmstadt Berlin“ und liefert einen Überblick über die dortigen, für die historische Filmforschung relevanten Einrichtungen: Bei Besuchen in Filmmuseen und -archiven werden didaktische Fragen zur Präsentation von Film und Vermittlung von Filmgeschichte im Rahmen von historischen Ausstellungen ebenso angesprochen wie die spezifischen Herausforderungen der wissenschaftlichen Arbeit mit dem Film als Quelle. Praktische Probleme können in Gesprächen mit Kuratoren und Archivaren erörtert werden.

    Literatur: Hans-Michael Bock / Wolfgang Jacobsen (Hg.): Recherche: Film. Quellen und Methoden der Filmforschung, München 1997; Wolfgang Jacobsen (Hg.): Babelsberg. Ein Filmstudio 1912-1992. Berlin 1992; Klaus Kreimeier: Die Ufa-Story. Geschichte eines Filmkonzerns, München / Wien 1992.