Vorträge zur Geschichte des Schulfernsehens

Im Frühjahr habe ich auf zwei Tagungen meine Überlegungen zur Rolle des Schulfernsehens in den Bildungsreformdebatten der 1960er/70er Jahre zur Diskussion gestellt – einer Zeit, in der Bildungstechnologien und neue Bildungsmedien soziale Unterschiede beseitigen helfen, den Unterricht „objektivieren“ und bessere Plan- und Steuerbarkeit gewährleisten sollten.

Im Mittelpunkt meiner Beiträge auf der Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe Kommunikationsgeschichte „Ungleichheit und Medienwandel. Akteure und Strukturen in historischer Perspektive“ in Bamberg im April und auf dem in Kreuzlingen (Schweiz) an der PH Thurgau stattgefundenen Workshop „Education, Technology and Inequalities in the 20th Century“ im Mai standen Fragen nach dem Potenzial des Schulfernsehens zur Überwindung von sozialer Ungleichheit und der Herstellung von Chancengleichheit in den zeitgenössischen Debatten und deren Einfluss auf die Konzeptionierung der Programme. Nicht zuletzt interessierte mich, welche neuen Ungleichheiten neue Bildungsmedien womöglich einführten.

Das Ergebnis verweist auf eine ausgeprägte Ernüchterung hinsichtlich der sozialpolitischen Implikationen der Einführung des Schulfernsehens. Zwei Phasen lassen sich unterscheiden: In einer Etablierungsphase, die bis in die frühen 1970er Jahre reichte, besaß die Funktion der Abmilderungen von Bildungsungleichheiten eine suggestive Qualität hin zur Selbstevidenz. Sie diente den Akteur:innen in den Parteien und Kultusministerien, der Bildungsökonom:innen und der Entscheidungsträger:innen in den Rundfunkanstalten zur Legitimation bei der Einführung des Schulfernsehens. In der anschließenden operativen Phase hingegen wollten Lehrkräfte ganz praktisch wissen, was ihnen das Schulfernsehen konkret für den Unterricht bringt und wie sie es einsetzten, während die Redaktionen vor allem die didaktische und gestalterischen Möglichkeiten ausloten mussten. Das bildungspolitische big picture interessierte da reichlich wenig und eine Rhetorik der Chancen für die Bekämpfung von Bildungsungleichheiten spielte kaum mehr eine Rolle.

Filmskandal und gesellschaftlicher Wandel

Vom 17. bis 19. Februar 2010 fand in Gießen die Tagung Medien.Kultur.Wandel statt, organisiert von der Research Area „Culture and Performativity“ des Graduate Centre for the Study of Culture statt. Das Panel „Transgressionen“ versammelte u.a. Beiträge über Grenzüberschreitungen im Horrorfilm und Körperverletzungen in der Performancekunst – und über Filmskandale. Mein Paper mit dem Titel „Skandalgemeinschaften“ fragte am Beispiel von Ludwig der Zweite, König von Bayern (D 1929) nach der vergemeinschaftenden Wirkung von Skandalen vor dem Hintergrund der Erfahrung gesellschaftlichen Wandels.

Kulturgeschichtetag in der Kulturhauptstadt

Vom 12. bis 15. September fand in Linz, Kulturhauptstadt Europas 2009, an der dortigen Johannes Kepler-Universität der bereits zweite Kulturgeschichtetag statt. Ich war mit einem Vortrag im von Frank Bösch eingereichten und geleiteten Panel „Normen, Politik und Skandale im 20. Jahrhundert“ vertreten.

Mein Beitrag sollte am Fallbeispiel des Skandals um den Wilhelm Dieterle-Film Ludwig der Zweite, König von Bayern (D 1929) zeigen, wie Medien einen Skandal als einen solchen konstituieren, obwohl der betreffende Film fast gänzlich unbekannt ist. Der Skandal funktionierte dennoch, da in ihm moralische Empörung über Sachverhalte geäußert wurde, die unabhängig vom Film bestanden und vielmehr auf ihn projiziert wurden. So verhandelte dieser Skandal letztlich konkurrierende politische Deutungen und leistete einen Beitrag zur Bestätigungund Festigung regionaler Identitäten.

Weitere Vortragende waren Norman Domeier („Umkämpfte Männlichkeit. Homosexualität und Politik im späten Kaiserreich“) und Nils Kessel (Tödliche Grenzziehungen. Medizinskandale nach 1945“).