Verkehrserziehung im Schulfernsehen

Screenshot: Mit dem Fahrrad unterwegs (WDR 1976)

Im aktuellen Heft von Rundfunk und Geschichte mit dem Schwerpunkt „Fernsehen und Bildung“ ist ein Beitrag von mir enthalten, der die auffällige Koinzidenz der Einführung des Schulfernsehens und der Modernisierung der bundesdeutschen Verkehrserziehung zwischen 1960 und 1985 untersucht.

Der Beitrag arbeitet heraus, dass die Hinwendung der Verkehrsziehung zu einer „Sinnes- und Wahrnehmungsschulung“ den Darstellungsweisen audiovisueller Lehrmitteln entgegen kam und der Zwang, sich didaktisch-methodisch neu zu erfinden, zeitlich mit einer Phase zusammenfiel, in der auch die Redakteur:innen des Schulfernsehens dessen Möglichkeiten erprobten. Gleichzeitig ermöglichte die Liaison von Verkehrserziehung und Schulfernsehen eine wechselseitige Legitimierung: Das Fernsehen unterstrich gegenüber Politik und Öffentlichkeit, dass es sich mit der Verkehrssicherheit eines unbestritten dringenden gesellschaftlichen Pro­blems annahm. Und die Verkehrspolitik und die Expert:innen aus den Verkehrsorganisationen demonstrierten, dass sie ein modernes, zeitgemäßes, wissenschaftlich beforschtes und vermeintlich äußerst effektives Medium in den Dienst ihrer Sache zu stellen vermochten.

Die im Heft veröffentlichten Beiträge gehen zurück auf die vom Studienkreis Rundfunk und Geschichte veranstaltete Tagung „Fernsehen und Bildung – ein Missverständnis?“, die im Juni 2024 im Grimme-Insitut in Marl stattfand.

Schulfernsehen und die Modernisierung der Verkehrserziehung in Westdeutschland (1960-1985), in: Rundfunk und Geschichte 51 (2025), Nr. 1/2, S. 45-59.

Vorträge zur Geschichte des Schulfernsehens

Im Frühjahr habe ich auf zwei Tagungen meine Überlegungen zur Rolle des Schulfernsehens in den Bildungsreformdebatten der 1960er/70er Jahre zur Diskussion gestellt – einer Zeit, in der Bildungstechnologien und neue Bildungsmedien soziale Unterschiede beseitigen helfen, den Unterricht „objektivieren“ und bessere Plan- und Steuerbarkeit gewährleisten sollten.

Im Mittelpunkt meiner Beiträge auf der Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe Kommunikationsgeschichte „Ungleichheit und Medienwandel. Akteure und Strukturen in historischer Perspektive“ in Bamberg im April und auf dem in Kreuzlingen (Schweiz) an der PH Thurgau stattgefundenen Workshop „Education, Technology and Inequalities in the 20th Century“ im Mai standen Fragen nach dem Potenzial des Schulfernsehens zur Überwindung von sozialer Ungleichheit und der Herstellung von Chancengleichheit in den zeitgenössischen Debatten und deren Einfluss auf die Konzeptionierung der Programme. Nicht zuletzt interessierte mich, welche neuen Ungleichheiten neue Bildungsmedien womöglich einführten.

Das Ergebnis verweist auf eine ausgeprägte Ernüchterung hinsichtlich der sozialpolitischen Implikationen der Einführung des Schulfernsehens. Zwei Phasen lassen sich unterscheiden: In einer Etablierungsphase, die bis in die frühen 1970er Jahre reichte, besaß die Funktion der Abmilderungen von Bildungsungleichheiten eine suggestive Qualität hin zur Selbstevidenz. Sie diente den Akteur:innen in den Parteien und Kultusministerien, der Bildungsökonom:innen und der Entscheidungsträger:innen in den Rundfunkanstalten zur Legitimation bei der Einführung des Schulfernsehens. In der anschließenden operativen Phase hingegen wollten Lehrkräfte ganz praktisch wissen, was ihnen das Schulfernsehen konkret für den Unterricht bringt und wie sie es einsetzten, während die Redaktionen vor allem die didaktische und gestalterischen Möglichkeiten ausloten mussten. Das bildungspolitische big picture interessierte da reichlich wenig und eine Rhetorik der Chancen für die Bekämpfung von Bildungsungleichheiten spielte kaum mehr eine Rolle.

Sammelband Märsche der Moderne erschienen

Cover Märsche der Moderne. Varianten eines globalen Phänomens

Mehr als drei Jahre nach der Ringvorlesung an der Universität Leipzig ist nun der von mir gemeinsam mit Jürgen Dinkel und Miriam Pfordte herausgegebene Sammelband Märsche der Moderne. Varianten eines globalen Phänomens bei Campus erschienen. Das Buch widmet sich Märschen als einem wichtigen Element politischer Partizipation und Herrschaftsinszenierung in der Massengesellschaft des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Beiträge untersuchen den Einfluss dieser identitätsstiftenden kollektiven Formen von Straßenpolitik auf politische Aushandlungsprozesse und deren Formwandel. Dabei verstehen sie Märsche nicht, wie bisher üblich, als regionale und temporäre Einzelereignisse, sondern als Medienereignisse in ihren nationalen, transnationalen und globalen Bezügen. Der Band beleuchtet neben als ikonisch geltenden Märschen, etwa Gandhis „Salzmarsch“ (1930) oder Martin Luther Kings „Marsch auf Washington“ (1963), auch bislang selten beachtete Märsche, etwa den „marche des beurs“ in Frankreich (1983) oder die Reenactment-Märsche im sozialistischen Jugoslawien.

Mit eigenen Fallstudien mit dabei sind: Thoralf Klein, Winfried Speitkamp, Michael Wildt, Olaf Stieglitz, Daniel Maul, Ute Schneider, Dieter Gosewinkel, Maria Framke und Fritzi-Marie Titzmann, Nikola Baković sowie Maren Möhring. Einige der Vorträge der Ringvorlesung haben in Aufsatzform den Weg in den Band gefunden. Andere Beiträge wurden extra eingeworben. Vielen Dank an alle Autor:innen!

Die Deutsche Nationalbibliothek ermöglicht einen Blick ins Inhaltsverzeichnis, eine Leseprobe gibt es auf den Seiten des Campus Verlags.

Jürgen Dinkel / Kai Nowak / Miriam Pfordte (Hg.): Märsche der Moderne. Varianten eines globalen Phänomens, Frankfurt am Main: Campus 2024.

Warum Verkehrserziehung nie Schulfach wurde

Cover: Fachunterrichtsgeschichten. Studien zur Geschichte der Praxis des Fachunterrichts

Trotz politischen Handlungsdrucks und unbezweifelten gesellschaftlichen Nutzens wurde Verkehrserziehung in (West-)Deutschland nie eigenständiges Schulfach. Warum eigentlich nicht? Diese Frage versucht mein Beitrag im jüngst erschienenen Sammelband zur Geschichte des Fachunterrichts zu klären. Abgesehen von Fragen nach Fach und Fachlichkeit war die jahrzehntelange Auseinandersetzung um Schulfach oder Unterrichtsprinzip auch ein Musterbeispiel für die Handlungsspielräume und Einflussmöglichkeiten von Verkehrspolitik und Schulpolitik, von Bund und Ländern im Bildungsföderalismus sowie für die Schwierigkeiten, sich schul- und bildungspolitisch auf neue gesellschaftliche und technologische Herausforderungen einzustellen.

Der von Josefine Wähler, Marco Lorenz, Sabine Reh und Joachim Scholz herausgegebene Band betrachtet aus einer praxeologischen Perspektive die historische Dynamik um Entstehung, Organisation und Transformation von Schulfächern. Er enthält weitere hochinteressante Beiträge, etwa zum Computerunterricht in der DDR, zu Schulgärten oder den Debatten um die Einführung eines Ethikunterrichts. Verfügbar als Open Access!

Verfachlichung ohne Fach. Die Debatte um den schulischen Ort von Verkehrserziehung in (West-)Deutschland 1925-1975, in: Josefine Wähler / Marco Lorenz / Sabine Reh et al.
(Hg.): Fachunterrichtsgeschichten. Studien zur Geschichte der Praxis des Fachunterrichts, Bad Heilbrunn 2024, S. 115-135, DOI: https://doi.org/10.25656/01:30109.

Historische Hintergründe von Redewendungen rund ums Auto

Von „grünes Licht geben“ bis „auf die Tube drücken“ – im Interview mit dem Wissenschaftsportal L.I.S.A. durfte ich spannende Fragen zu Redewendungen rund ums Automobil und ihre historischen Kontexte beantworten. Inwiefern sind solche Wendungen Ausdruck einer nationalkulturellen Bindung ans Automobil? Jedenfalls deutet einiges daraufhin, so mein Argument, dass die prinzipielle Zeichenhaftigkeit des Straßenverkehrs eine figurative Sprache ausprägte, was den Übergang in den allgemeinen Sprachgebrauch begünstigte. Ansonsten geht es viel um Farbsignale: Wann kamen die ersten Ampeln auf? Warum hat sich eigentlich die Grün als Zeichen für freie Fahrt etabliert? Und am Ende des Interviews war es „höchste Eisenbahn“ für eine Bonusfrage.

Neuer Aufsatz zu Kinokämpfen in der Weimarer Republik

Buchcover: Hessische Skandale. Medien, Gesellschaften und Normkonflikte

Wegen Papierknappheit hat es etwas länger gedauert, doch jetzt ist der Band Hessische Skandale. Medien, Gesellschaften und Normkonflikte endlich erschienen. Dieser Tagungsband ohne Tagung – die im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden geplante Konferenz fiel leider der Pandemie zum Opfer – vereinigt einen bunten Strauß an Fallstudien. Den Untersuchungen von Skandalen mit mal mehr, mal weniger Hessenbezug stehen zwei konzeptionelle Beiträge zur Seite, die den theoretischen Rahmen der historischen Skandalforschung abstecken.

Mein Beitrag mit dem Titel Kinokämpfe. Filmskandale und die politische Kultur der Weimarer Republik versucht beides miteinander zu verbinden: Anhand von Skandalen um Kriegsfilme wie Im Westen nichts Neues (USA 1930) und politischer Filme wie Panzerkreuzer Potemkin (SU 1925) stelle ich Überlegungen zur gesellschaftlichen Funktion von Skandalen an und setze sie in Beziehung zur Geschichte der politischen und medialen Kultur der Weimarer Republik.

Kinokämpfe. Filmskandale und die politische Kultur der Weimarer Republik, in: Alexander Jehn / Andreas Hedwig / Rouven Pons (Hg.): Hessische Skandale. Medien, Gesellschaften und Norm­konflikte, Wiesbaden 2021, S. 205-221.

Märsche der Morderne – Digitale Ringvorlesung im SoSe 2021

Plakat Märsche der Moderne

Am 20. April 2021 startet an der Universität Leipzig die digitale Ringvorlesung „Märsche der Moderne“. An zehn Terminen im Sommersemester, jeweils dienstags von 17 bis 19 Uhr, loten insgesamt dreizehn Vortragende „Varianten eines globalen Phänomens“ aus. Das Spektrum reicht von Gandhis Salzmarsch über die Ostermärsche bis hin zu feministischen Märschen der Gegenwart. In der ersten Sitzung geben Jürgen Dinkel und ich als Organisatoren der Reihe zunächst eine Einführung, danach übernimmt Hubertus Büschel (Kassel) und spricht zu Märschen als Inszenierungen von Dekolonisierung und neuer Staatlichkeit in Afrika. Das vollständige Programm ist unten aufgeführt, das Plakat der Ringvorlesung gibt es als Download.

Die Vorträge werden live über den Youtube-Kanal des ZMP der Universität Leipzig gestreamt.

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Sicherheitsdidaktiken im 20. Jahrhundert: GWU-Themenheft erschienen

GWU 9/10 2020

Das von mir zusammengestellte Themenheft von Geschichte in Wissenschaft und Unterricht zu Sicherheitsdidaktiken im 20. Jahrhundert ist jetzt erschienen. In fünf Beiträgen gehen die Autorinnen und Autoren der Frage nach den historischen Wandlungen von Ansätzen des Lehrens und Lernens von „Sicherheit‟ und ihren methodischen Umsetzungen nach. Wie wurde zu unterschiedlichen Zeiten versucht, die Lernenden zu erwünschten Verhaltensanpassungen im Sinne eines Zugewinns an Sicherheit bzw. der Vermeidung von Risiken zu motivieren? Die Aufsätze leisten nicht allein Beiträge zu einer Zeitgeschichte der Sicherheit, sondern eröffnen ihr zugleich neue gesellschafts-, mentalitäts- und mediengeschichtliche Perspektiven.

Henning Tümmers schlägt in seinem Text einen weiten Bogen vom frühen 20 Jahrhundert bis in die Gegenwart und kann, ob Syphilis, HIV/AIDS oder Corona, einige sicherheitsdidaktische Konstanten in der Kommunikation von Verhaltensmaßnahmen der Seuchenprävention ausmachen. Ebenfalls in einer Längsschnittperspektive betrachtet Nina Kleinöder am Beispiel der Stahlindustrie die Geschichte des betrieblichen Unfallschutzes und stellt einen Wandel von reaktiven Formen hin zu moderner Präventionsarbeit fest. Mein eigener Beitrag zur Geschichte der schulischen Verkehrserziehung kann zeigen, wie sich die Didaktik des Verkehrsunterrichts unter den Vorzeichen von Massenmotorisierung und Verwissenschaftlichung von Vernunftappellen und Ansätzen der Wissensvermittlung hin zu Selbstführung und Kompetenzorientierung entwickelten. Phillip Wagner geht der Frage nach, mit welchen Ansätzen und Methoden die politische Bildung in den 1980er Jahren die Demokratie gegen Bedrohungen abzusichern versuchte. Franzisika Rehlinghaus zeigt in ihrem Beitrag an einem anschaulichen Beispiel, welche Sicherheitsversprechen die Weiterbildungsbranche in den 1970er/80er Jahren unterbreitete und mit welchen Methoden versucht wurde, die Kundinnen und Kunden in die Lage zu versetzen, biographische Kontingenzen zu bearbeiten. Eingeleitet wird das Themenheft von einem konzeptionellen Aufriss, in dem ich in aller Kürze versuche, das Forschungsfeld der Sicherheitsdidaktik zu profilieren.

Auf der Webseite des Friedrich-Verlags lässt sich ein Blick ins Inhaltsverzeichnis werfen.

Themenheft „Sicherheitsdidaktiken im 20. Jahrhundert“, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 71 (2020), Nr. 9/10.

Rückblick #2: Filmeinführungen

Vortrag zu Panzerkreuzer Potemkin im Kino Royal (Baden)

2019 war das Jahr der Filmeinführungen. Im April des Jahres hat das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Filmreihe kuratiert, die lose auf meine Dissertation über Filmskandale zurückgriff: Umkämpfter Ort. Das Kino der Weimarer Republik. Das abwechslungsreiche Programm wurde ergänzt um einführende Kurzvorträge, mit denen Expertinnen und Experten den dem Publikum die historischen-politischen Kontexte der Filme näherbrachten. So habe ich die Skandalgeschichten rund um Anders als die Andern (D 1919), Wege zu Kraft und Schönheit (D 1925) und Panzerkreuzer Potemkin (SU 1925) im Zeughauskino vorgestellt. Ebenfalls den Panzerkreuzer Potemkin durfte ich im Mai im Schweizerischen Baden in der Reihe royalscandalcinema präsentieren. Schon seit 2015 zeigt das Badener Kino Royal bekannte und weniger bekannte, aber stets aufsehenerregende Skandalfilme aus über 100 Jahren Filmgeschichte und begleitet das Programm mit filmwissenschaftlichen Einführungen.

Rückblick #1: Medienthema Verkehrserziehung

Screenshot: Artikel in der Zeitschrift für Verkehrserziehung

Kürzlich hat die Kampagne „Runter vom Gas“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrats einen Beitrag zur Geschichte der Verkehrssicherheit veröffentlicht, in dem ich mit Statements zum Sicherheitsgurt und zu Promillegrenzen zitiert werde. Doch bereits im letzten Jahr war ich mit meinem Forschungsprojekt „Sicherheit als Siebter Sinn“ mehrfach in Presse und Rundfunk präsent. Anlässlich des Schulstarts im August wurde ich von MDR Aktuell und der Leipziger Zeitung zur Geschichte und Gegenwart der Verkehrserziehung interviewt. Dabei schienen insbesondere die von Eltern-Taxis ausgehenden Gefahren zu interessieren und die Entstehung dieses Phänomens seit den 1980er Jahren, als in Westdeutschland weitere Wohlstandszuwächse (Zweitauto) auf traditionelle Familienmodelle (Alleinverdienerehen) trafen. Ende des Jahres schließlich erschien ein Interview in der Zeitschrift für Verkehrserziehung. Ich konnte also in einem jener Fachorgane etwas über meine Forschungsergebnisse berichten, deren ältere Jahrgänge ich im Zuge der Untersuchungen zuvor ausgewertet hatte – für Historikerinnen und Historiker keine alltägliche Erfahrung.